Heute vor einer Woche war ich beim Grinch, um die Gänse zu versorgen und den Stall auszumisten. Während ich so vor mich hinmiste, hörte ich plötzlich ein verzweifeltes Rascheln. Ich hielt inne, sah mich um und versuchte, dieses Geräusch zu lokalisieren.

Auf einer kleinen Anhöhe stand ein alter Farbeimer. Darin hatte der Grinch eine dieser ekelhaften Fliegenfallen entsorgt – voller toter Fliegen, klebrig und abstoßend. Und genau in dieser Falle hatte sich eine kleine Schwalbe verfangen.

Sie strampelte verzweifelt, kämpfte mit aller Kraft darum, sich von dem zähen Haar der Falle zu lösen. Es war wohl ihr erster Flugversuch – und er war gehörig schiefgegangen.

Trotz meines Ekels vor den toten Fliegen griff ich mutig zu. Vorsichtig, Stück für Stück, befreite ich die kleine Schwalbe aus der lebensgefährlichen Falle. So zart wie möglich, so entschlossen wie nötig.

Weil ich keine Ahnung hatte, wie man mit einer verletzten Schwalbe umgeht, ging ich zu meiner Lieblingsnachbarin hinüber. Gemeinsam wuschen wir die Kleine eine ganze Stunde lang – ganz sanft, mit Kernseife, geduldig und behutsam.

Als die kleine Schwalbe endlich sauber war, besorgte ich einen Karton und begann, mich zu informieren, was so ein Schwalbenkind eigentlich frisst. Ein bisschen wusste ich schon: Findet man einen geschwächten Jungvogel und hat nichts anderes zur Hand, kann man ihm zunächst winzige Kügelchen von Rührei in den Schnabel geben.

Doch das war nur eine Notlösung. Da Pepe – so hatte mein Mann ihn getauft – noch ein Jungvogel war, musste er stündlich gefüttert werden. Und mal ehrlich: Mehlwürmer oder Fliegen hat man ja nicht einfach so im Kühlschrank liegen.

Also machte ich es ihm erstmal gemütlich: Wärmflasche in den Karton, warm und weich. Doch ich wusste, er brauchte Proteine – und zwar dringend. Ich dachte an meine Pferde: Auf dem Misthaufen gibt es schließlich immer Fliegen. Also baute ich eine Fliegenfalle – aber natürlich keine tödliche Klebefalle, sondern eine aus einer PET-Flasche. Den Hals abgeschnitten, umgekehrt hineingesteckt, unten Zuckerwasser eingefüllt. Ab damit auf den Misthaufen.

Und was soll ich sagen? Als ob die Biester es geahnt hätten: keine einzige Fliege weit und breit. Nicht mal bei den Pferden.

Also musste ein Plan B her. Nach einiger Recherche fand ich heraus, dass es im nahegelegenen Baumarkt Angelzubehör gibt – und damit auch lebende Köder. Also fuhr ich los und kam mit einer Dose Mehlwürmer zurück.

Doch schnell las ich, dass die Köpfe der Würmer für Schwalben unverdaulich sind. Das bedeutete: Köpfe ab. Für mich ein Albtraum – ich bin da sehr zartbesaitet und dachte wirklich, ich müsste im Strahl kotzen. Zum Glück übernahmen mein Mann und mein Nachbar diese Aufgabe.

Von da an bekam Pepe stündlich seine Portion: ein winziges Würmchen, behutsam in den Schnabel gelegt. Ich hielt ihn warm, stellte mir nachts den Wecker und passte auf, dass er alles bekam, was er brauchte.

Und Pepe dankte es mir: Er gewöhnte sich immer mehr an mich. Er saß auf meiner Schulter, beobachtete mich bei der Arbeit und rief nach mir, wenn er Hunger hatte.

Mit jedem Tag wuchs unsere Nähe. Von Tag zu Tag wurde er kräftiger, auch wenn er noch nicht fliegen konnte. Wir mochten uns sehr – ja, wir schlossen Freundschaft.

Nach einer Woche voller Füttern, Streicheln und Umsorgen war er so fit, dass er eigentlich zu Artgenossen sollte. Der Tag der Trennung kam. Ich brachte ihn in einen Zoo, der eine Voliere und eine Auffangstation für Vögel hat. Dort sollte er fliegen lernen und im Herbst gemeinsam mit den anderen nach Afrika ziehen. Ich fuhr eineinhalb Stunden mit ihm, immer mit dem Gedanken: Bald bist du bei deinen Kumpels. Dort wird alles gut. Und vielleicht kommst du nächstes Jahr wieder und sagst Hallo.

Doch schon bei der Ankunft hatte ich ein komisches Gefühl. Man wollte, dass ich Pepe in seinem Karton an der Kasse abstelle – bis der Tierpfleger eine Stunde später Zeit hätte. Das kam für mich nicht in Frage. Also bestand ich darauf, dass er sofort versorgt wird. Schließlich fand ich den Tierpfleger und konnte mich liebevoll von Pepe verabschieden. Trotzdem blieb das ungute Gefühl.

Am nächsten Tag, nach einer schlaflosen Nacht, rief ich im Tierpark an, um nach meinem kleinen Patienten zu fragen. Der Arzt erklärte mir, Pepe könne wohl ein ganzes Jahr lang nicht fliegen – erst nach der ersten Mauser, also einem kompletten Gefiederwechsel. Doch die Pfleger hätten keine Zeit, ihn so lange zu füttern und durchzubringen.

Also verabredeten wir, dass ich ihn am nächsten Vormittag wieder abholen würde. In Gedanken hatte ich schon begonnen, eine Voliere zu planen, Futter zu bestellen und mich darauf einzustellen, ihn noch lange zu begleiten.

Doch dazu kam es nicht mehr. Auf halber Strecke erhielt ich den Anruf: Pepe war am Morgen in seinem Käfig gestorben.

Seitdem sitze ich hier, schreibe, weine endlos und mache mir unendlich viele Vorwürfe. Hätte ich ihn doch nur bei mir behalten.

Ruhe in Frieden, mein kleiner Freund. 🖤

Vielleicht trägt dich jetzt der Wind – dorthin, wo deine Flügel dich schon immer hinziehen wollten.

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